Ziel des Research Check ist es, Euch regelmässige Updates zu neuen und interessanten Forschungsthemen aus dem Bereich Simulation, Debriefing, Teamzusammenarbeit und Patientensicherheit zu geben und diese zu kommentieren.

Research Check 02/19

1) Der Zeitverbrauch bei der Reanimation wird unterschätzt

Trevisanuto D et al. Time Perception during neonatal resuscitation. J Pediatr 2016; 177:103-7

Zeit vergeht schneller als gedacht. Gilt diese „Weisheit“ auch für die kardiopulmonale Reanimation Neugeborener? Eine italienische Arbeitsgruppe ging dieser Frage im Rahmen einer prospektiven Beobachtungsstudie nach, die in einer aktuellen Ausgabe des Journal of Pediatrics publiziert wurde.

Unmittelbar im Anschluss an ein 2-tägiges Training auf Grundlage des „Neonatal Resuscitation Program“ (NRP) durch 6 Instruktoren an 5 italienischen Krankenhäusern hatten sämtliche Trainees die Aufgabe eine komplexe Neugeborenenreanimation zu lösen. Am high-fidelity Neugeborenensimulator SimNewB (Laerdal, Stavanger, Norway) musste ein Asphyxieszenario inkusive endotrachealer Intubation und Beatmung, Herzdruckmassage und Notfallmedikamentengabe bearbeitet werden. Zu den Teilnehmern zählten 68 Ärzte und 40 Pflegekräfte, die jeweils in Dreierteams in insgesamt 36 Szenarien agierten. Die Teams bestanden aus einer Leitung und 2 Assistenten. Während des Szenarios erfolgte eine zeitkorrelierte Handlungsdokumentation durch einen externen Beobachter und zugleich wurde eine Videoaufnahme erstellt. Am Ende der Problemlösung musste jeder Teilnehmer den selbstempfundenen Zeitverbrauch für die einzelnen Kernpunkte der Reanimation retrospektiv schätzen und Fragen zu Stress und Qualität der Vorbereitung im Team beantworten. Unabhängig von der Rollenzugehörigkeit unterschätzten sämtliche Teilnehmer den Zeitverbrauch für alle Reanimationseinzelziele in der Simulation. Hierzu gehörten typischerweise Beginn der Beatmung, Zeitpunkt der endotrachealen Intubation (durchschnittlich wurden 2 Versuche benötigt), Beginn und Dauer der Herzdruckmassage, erste Adrenalingabe, Beginn der Spontanatmung und Gesamtdauer des Szenarios. Der selbstempfundene Stresslevel war bei den Teamleitungen signifikant höher als bei den Assistenten. Allerdings hatten weder die selbstempfundenen Stresslevel noch die Qualität der Vorbereitung Einfluss auf die Exaktheit der eigenen Zeitwahrnehmung.

Kommentar: Der Startpunkt einer Neugeborenenreanimation ist meist durch die Geburt klar definiert. Nun läuft die Zeit. Die zeitliche Abfolge von Maßnahmen hat bei medizinischen Notfällen eine entscheidende Rolle. Eine ungenaue Dokumentation kann weitreichende Konsequenzen haben. In der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Simulationsstudie, bei der sämtliche Teilnehmer den exakt gleichen „Patienten“ hatten. Die Teilnehmer wurden jedoch nicht im Vorhinein über die nachfolgende retrospektive Zeitschätzung informiert. Interessanterweise unterschätzten prompt alle den tatsächlichen Zeitverbrauch. Die Zeitregistrierung durch den externen Beobachter war erfreulicherweise mit der Videodokumentation nahezu identisch. Somit wird in dieser Simulationsstudie bestätigt, was an zahlreichen Neonatologie-Abteilungen längst Standard ist, beziehungsweise sein sollte: Ein Teammitglied ist/sollte während einer Neugeborenenreanimation exklusiv mit der Zeitnahme und genauen Dokumentation von Handlungen und Ereignissen beschäftigt (sein). Zudem wäre die Verwendung der Videotechnik zur qualitativen Verbesserung des Debriefings bei Simulationstrainings wie auch bei realen Reanimationen wünschenswert.

2) Metronom bei der kardiopulmonalen Reanimation?

Zimmermann E et al. Use of a metronome in cardiopulmonary resuscitation: a simulation study. Pediatrics 2015; 136:903-911

Aus der Erwachsenenreanimation ist bekannt, dass ein Metronom, also ein regelmäßiger akustischer Impulsgeber, die Verabreichung einer adäquaten Kompressionsrate verbessert – allerdings mit einer Verschlechterung der Drucktiefe. Eine Arbeitsgruppe aus Miami ist nun der Frage nachgegangen, ob diese Erkenntnis für die Kinderreanimation am Simulationsmodell gleichermaßen gilt.

In diese prospektive, statistisch hochwertige Studie wurden 155 Teilnehmer eingeschlossen, von denen jeder 2 Runden von jeweils 2 Minuten dauernden Herzkompressionen durchführte. Vertreten waren Ärzte unterschiedlicher Qualifikation (n=67), pädiatrische Pflegekräfte (n=33) und Medizinstudenten (n=55). Als Reanimationsmodell diente die weitverbreitete Resusci Anne mit entsprechender Skill-Reporter Software (Laerdal Medical). In der ersten Runde führten 74 und in der zweiten Runde 81 Teilnehmer die kardiopulmonale Reanimation (CPR) metronomgestützt durch. Die Metronomfrequenz wurde bei 100 pro Minute eingestellt. Verwendung fand ein Monitor-Defibrillator (Lifepak 15, Physiocontrol) mit einem eingebauten CPR-Metronom, welcher „8 Feet“ von den Teilnehmern der Studie entfernt positioniert wurde. Es zeigte sich eine signifikante Verbesserung bzgl. der Kompressionen innerhalb der adäquaten Zielrate (90-100 pro Minute) mit Metronom um 22% gegenüber ohne Metronomhilfe. Die Kompressionsfrequenz über den Gesamtzeitraum von 2 Minuten sank von 221,9 auf 210,6. Bzgl. der Drucktiefe (38-51 mm) fand sich hingegen kein Unterschied zwischen beiden Gruppen. Bei Betrachtung der unterschiedlichen Berufsgruppen fiel auf, dass der Metronom-Effekt bei Studenten und Ärzten ausgeprägt positiv war. Bei Pflegekräften bestand hingegen kein Unterschied.

Kommentar: Es handelt sich um die erste Studie, die nachweißt, dass ein Metronom bei der CPR am Simulationsmodell signifikant die Verabreichung einer adäquaten Kompressionsrate verbessert ohne negativen Einfluss auf die Kompressionstiefe zu nehmen. Auch die Reanimationsleitlinien von Oktober 2015 haben die bekannten Zielwerte Frequenz und Kompressionstiefe bestätigt. In der Ausbildung muss es also unser Bestreben sein, einprägsame Trainingsmodelle zu entwickeln. Möglicherweise kann anstatt eines Metronoms auch eine Melodie oder Song mit „optimaler Hintergrundfrequenz“ hilfreich sein. Jedenfalls ist dies nicht nur meine eigene subjektive Erfahrung. Der nächste Schritt wäre nun die Überprüfung der Wertigkeit eines Metronoms bei der realen CPR im Kindesalter. Sollte sich der Effekt bewahrheiten wäre die logische Konsequenz sämtliche Monitore und Defibrillatoren mit entsprechenden Feedback-Systemen auszustatten. Kernpunkt aller Bemühungen bleibt jedoch, dass ein regelmäßiges CPR-Training die Qualität sichert. Ein maximaler Refresher-Abstand von 3-6 Monaten sollte generelle Realität – zumindest für professionelle Helfer – werden.

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Wir möchten darauf hinweisen, dass die Auswahl und Interpretation der gewählten Studien die persönliche Meinung des Verfassers spiegeln und entsprechen nicht zwingend der Meinung des Netzwerk Kindersimulation e.V.